Mündliche Anfragen gemäß § 47 der Geschäftsordnung des Niedersächsischen Landtages
Fragestunde 21.10.2009 Drucksache 16/1750 (34 S.)
Mündliche Anfrage 33 Karl-Heinrich Langspecht (CDU), Martin Bäumer (CDU), Helmut Dammann-Tamke (CDU), Dr. Hans-Joachim Deneke-Jöhrens (CDU), Otto Deppmeyer (CDU), Clemens Große Macke (CDU), Ingrid Klopp (CDU), Frank Oesterhelweg (CDU) 21.10.2009 Drucksache 16/1750 (S.20-21)
Woher kommt das Kälberbluten?
Selten, aber immer öfter tritt in Deutschlands Rinderställen die hämorrhagische Diathese auf, auch Blutschwitzen genannt. Mit der Aufnahme der Muttermilch verändert sich die Zusammensetzung des Blutes der Kälber, und das Knochenmark wird geschädigt. Eine erhöhte Blutungsneigung und Infektionsanfälligkeit sind zu beobachten. Die betroffenen Kälber verbluten häufig über Körperöffnungen oder geringste Hautverletzungen. Die Ursache dieser Erkrankung scheint bislang unbekannt. Wie viele Tiere bisher erkrankt sind, liegt im Dunkeln. Allerdings steht zu befürchten, dass viele Landwirte eine Meldung aus Angst vor Auswirkungen wie im Fall von BSE scheuen.
Wir fragen die Landesregierung:
1. Ist der Landesregierung die als Blutschwitzen bezeichnete Krankheit aus Fällen in Niedersachsen bekannt?
2. In welcher Form ist die Landesregierung in die Forschung und Untersuchung dieser Krankheit eingebunden?
3. Besteht durch die Krankheit eine konkrete Gefahr für die Menschen in Niedersachsen?
Antwort Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung Plenarprotokoll 16/50 30.10.2009 S. 6398-6399:
Seit etwa zwei Jahren tritt das „Blutschwitzen“ bei Kälbern wiederholt auf. Bundesweit scheinen sich drei „Hotspot-Gebiete“ heraus zu bilden (BY, HE, NW), aber auch in anderen Regionen Deutschlands wird über dieses Phänomen berichtet. Die Dunkelziffer ist sehr hoch; eine Meldepflicht besteht nicht. Über das Krankheitsgeschehen ist wenig bekannt. Bisher scheint lediglich der Zusammenhang zwischen Erkrankung und der Verabreichung von Kolostrum gesichert. Es ist aber bislang unklar, wie dieser Zusammenhang zu begründen ist. Angesichts der teilweise dramatischen Verluste in den Betrieben (die Verlustrate kann bis zu 30 % betragen) und der damit verbundenen Verunsicherung in der Rinder haltenden Landwirtschaft ist eine schnellstmögliche Aufklärung dringend geboten. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz koordiniert die bundesweiten Forschungsaktivitäten, da nur auf diesem Weg eine schnellstmögliche Ursachenforschung und Abhilfe gewährleistet werden können. Angesichts der noch unklaren Genese dieses Geschehens wird in den Forschungsaktivitäten auch ein mögliches zoonotisches Potenzial überprüft. Dies vorausgeschickt, beantworte ich die Kleine Anfrage namens der Landesregierung wie folgt:
Zu 1: Ja, das Erkrankungsbild einer Blutungsneigung (= Haemorrhagische Diathese; HD) bei Kälbern ist seit dem ersten Auftreten im Jahre 2007 auch in Niedersachsen bekannt.
Zu 2: Grundlagenforschungen zu der Krankheit werden insbesondere in Niedersachsen, Hessen und Bayern jeweils an den Tierärztlichen Hochschulen bzw. tiermedizinischen Fachbereichen durchgeführt. Auf Initiative des Landwirtschaftsministeriums wird in Niedersachsen von der Niedersächsischen Tierseuchenkasse das Forschungsvorhaben „Frühdiagnose und Behandlung der letalen hämorrhagischen Diathese bei Kälbern“ des Institutes für Tierzucht und Vererbungsforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover mit 25 000 Euro gefördert. Das Projekt hat zum Ziel, aus Betrieben, in denen bereits Fälle mit letaler hämorrhagischen Diathese bei Kälbern bekannt sind, die neugeborenen Kälber vor und nach der Kolostrumaufnahme mittels Blutbildern zu screenen, um verdächtige Tiere zu identifizieren. Die Untersuchung soll damit erstmals zeigen, wie hoch die Prävalenz in Betrieben mit bekannter Inzidenz ist und ob eine Behandlung vor Auftreten der klinischen Symptome erfolgreich ist. Mit einem Abschluss ist wahrscheinlich noch im Jahr 2009 zu rechnen. In Bayern ist seitens der Klinik für Wiederkäuer im Zentrum für Klinische Tiermedizin der Tierärztlichen Fakultät der LMU München ein Forschungsvorhaben zum Thema „Gehäuftes Auftreten von hämorrhagischer Diathese infolge Knochenmarkschädigung bei jungen Kälbern“ durchgeführt worden. Das Ergebnis wurde in der Tierärztlichen Umschau, 10/2009, veröffentlicht. Ergänzend dazu plant NRW die Durchführung einer epidemiologischen Studie zusammen mit der Universität Bonn auf der Grundlage bundesweit abgestimmter Fragebögen.
Zu 3: Es wird vermutet, dass es sich um eine allergische Reaktion handelt, deren Ursache noch zu ermitteln ist. Es gibt bisher keine Hinweise für eine Gefährdung des Menschen. Nach einem Artikel „Blutschwitzen - Ist ein Impfstoff verantwortlich?“ in top agrar, Nr. 11/2009, wird als mögliche Ursache auch ein Impfstoff gegen Bovine Virus Diarrhoe (BVD) diskutiert.